Erfolg 4.0

Erfolg 4.0

Neulich fand ich auf Facebook ein Bild des Dalai Lamas mit einem Spruch, der ihm zugeschrieben wurde. Bei genauer Recherche fand ich heraus, dass der Spruch keineswegs von ihm war, sondern in leicht abgewandelter Form von David Orr stammt aus seinem Buch Ecological Literacy: Educating Our Children for a Sustainable World:

“The plain fact is that the planet does not need more successful people. But it does desperately need more peacemakers, healers, restorers, storytellers, and lovers of every kind. It needs people who live well in their places. It needs people of moral courage willing to join the fight to make the world habitable and humane. And these qualities have little to do with success as we have defined it.“

„Es ist eine nackte Tatsache, dass der Planet nicht mehr erfolgreiche Leute braucht. Stattdessen braucht er verzweifelt mehr Friedensschaffer, Heiler, Wiederhersteller, Geschichtenerzähler und alle Arten von Liebenden. Es braucht Menschen, die an ihren Orten gut leben. Es braucht Menschen, die den moralischen Mut besitzen, dem Kampf beizutreten, die Welt bewohnbar und menschlich zu machen. Und diese Qualitäten haben wenig mit Erfolg zu tun, wie wir ihn definiert haben.“ – Übersetzung von mir

Für sich betrachtet sind die ersten zwei Sätze schon etwas eigenartig. Denn was wollen wir denn anfangen mit nicht erfolgreichen Friedensschaffern und Heilern? Wenn sie nicht erfolgreich sind in ihren Bestrebungen, wozu sind sie dann gut?

Der letzte Satz klärt uns dann schließlich auf, dass es um Erfolg geht, „wie wir ihn definiert haben.“

Der Duden definiert Erfolg wertneutral als „positives Ergebnis einer Bemühung; Eintreten einer beabsichtigten, erstrebten Wirkung.“ Dies kann also prinzipiell alles bedeuten. Ob ich beabsichtige jemanden zu töten oder zu heilen, spielt dabei keine Rolle. Ich kann erfolgreich damit sein.

Doch wenn viele Menschen als ihr Ziel angeben, dass sie erfolgreich sein wollen, so meinen sie wohl eher etwas anderes. Es geht um Glück und Zufriedenheit und mitunter auch darum, besser als die Konkurrenz zu sein.

Wenn wir Erfolg einmal anschauen als Definition eines gut gelebten Lebens, so können wir sehen, dass die Inhalte dieser Definition durch verschiedene Wandlungen gegangen ist. Die Definition ist wie eine Art Programm, das unter all unseren Bestrebungen liegt und diese meist nicht bewusst und unerkannt beeinflusst.

Die verschiedenen Versionen dieses Programms bezeichnen wir hier mit den aus Software-Programmen bekannten Versionsnummern.

Da der eigentliche Erfolgsbegriff aus der Moderne stammt, beginnen wir dort mit Erfolg 1.0. Doch auch davor gab es schon Ideen von einem gut gelebten Leben, die wir mit 0.0 bezeichnen werden.

Und eins scheint überdeutlich: Unsere Definition von Erfolg muss sich weiterentwickeln, wenn wir als Folge unserer Bestrebungen nicht erreichen wollen, dass wir uns selbst unserer Lebensgrundlage berauben.

Doch schauen wir uns erst einmal die verschiedenen bisherigen Definitionen an.

Um das gleich vorwegzuschicken: Jede dieser Versionen hat ihre Licht- und ihre Schattenseiten.

Erfolg 0.0: Die Vision eines wohl gelebten Lebens in der Prämoderne

Vashishtha-Jogi-Unsplash-smallWenn wir in der Geschichte der Menschheit weit zurückgehen, so ging es wohl zunächst um das nackte Überleben – das eigene, wie das des Stammes. Dazu gehörte es bald auch, die Geister und Götter nicht zu verstimmen, Opfer zu bringen und sich mitunter selbst für den Stamm aufzuopfern.

In der nächsten Phase ging es um Eroberungsfeldzüge, Expansion und Macht. Je mehr Macht jemand hatte, desto mehr konnte er sein eigenes Schicksal und das seines Volkes bestimmen. Und Macht war meist gleichbedeutend mit physischer Überlegenheit. Der Herrscher ist Gott oder von Gott gesandt. Alle übrigen versuchten Anteil daran zu haben, indem sie sich gut zu denjenigen stellten, die die Macht hatten. Die Mafia und die verschiedenen Gangs sind auch heute noch ein gutes Beispiel dafür.

Mit der Erfindung der Landwirtschaft im sogenannten Achsenzeitalter ging ein Shift in ein mythisches Bewusstsein einher. Der Glaube an den Einen Wahren Gott tauchte überall auf der Welt auf. Das Weltbild war ethnozentrisch: Wir sind das auserwählte Volk mit dem einzig wahren Glauben. Das Gesetz (Tora oder Dharma), das uns von unserem Gott gegeben wurde, sagt uns, wie ein gutes Leben aussieht. Und dieses Gesetz ist für alle gleich. Selbst Könige und Priester haben sich daran zu halten. Meine Position im Leben ist durch eine ewige Ordnung bestimmt. Meine Aufgabe ist es, diesen Platz in der Ordnung so gut wie möglich im Einklang mit dem Gesetz auszufüllen. Das ist ein gottgefälliges, gut gelebtes Leben, für das ich irgendwann in der Zukunft (im nächsten Leben oder im Jenseits) belohnt werde.

In dieser Phase gibt es zum ersten Mal eine Art „Erfolgsliteratur:“ die heiligen Schriften der verschiedenen Traditionen, die allerdings nur von wenigen „Schriftgelehrten“ gelesen und interpretiert werden konnten.

Erfolg 1.0: Der Erfolgsbegriff der Moderne

World Blue by Danilo RizzutiEs ist das Industriezeitalter, das den Siegeszug der Aufklärung einläutete. Vernunft, Wissenschaft und ein beginnendes weltzentrisches Bewusstsein bringen viel Fortschritt. Mit dem technologischen Fortschritt gingen auch humanitäre Verbesserungen (das Verbot der Sklaverei, die medizinische Versorgung und Seuchenbekämpfung sowie die allgemeinen Menschenrechte) einher. Gleichzeitig wurde auch die Kriegsführung effektiver sowie die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen.

Erfolgreich sein heißt im modernen Weltbild, dem auch heute noch eine große Mehrheit anhängt, mehr, höher, besser oder weiter als die Konkurrenz zu sein. Es geht um Geld, Ansehen und einen Platz möglichst weit oben in der Hierarchie. Während in den traditionellen Kulturen der Prämoderne der Platz in der Hierarchie meist vererbt wurde, steht seit der Moderne dieser Platz zumindest theoretisch allen offen.

Es gibt ein ganzes Genre von Erfolgsliteratur. Die Suche nach „success“ auf amazon.com ergibt 702.076 Resultate. Ihre Helden sind Andrew Carnegie, John Rockefeller oder Bill Gates, aber auch Albert Einstein oder Charles Darwin.

In ihren negativen Verzerrungen wird dieses Weltbild oft gestützt durch eine ebenso verzerrte und fehlinterpretierte Sicht auf die Evolution als Überleben des Stärksten.

Auch die Bilder, die zur Beschreibung der Situation herangezogen werden, sprechen eine deutliche Sprache:

Da werden Unternehmen als gut geölte Maschinen betrachtet, die möglichst fehlerfrei zu funktionieren haben. Die Erfindung des Fließbandes gehört natürlich auch hierher.

Und dann geht es noch weiter in die Kriegsmetaphern:

„Da werden feindliche Übernahmen geplant, weil die Kriegskasse gut gefüllt ist. Da muss die Kundenfront scharf ins Visier genommen werden, um die Stoßrichtung des geplanten Marketingfeldzugs zu sondieren. Die universitäre Jugend duckt sich schon vor dem Rekrutierungsschlachtruf der Personaler, die in den ‚Krieg um die Köpfe‘ ziehen.“ – Dagmar Deckstein in einem Artikel „Hier boxt der Chef“ in der Süddeutschen

Wirtschaft wird als Nullsummen-Spiel betrachtet. Was der eine gewinnt, muss der andere verlieren und umgekehrt.

Es ist diese Art von Erfolgsdenken, gegen die sich das Zitat von David Orr weiter oben wendet.

Und während wir der Moderne viel Positives zu verdanken haben, so ist es dieses einseitige, individualistische Erfolgsdenken, das wir dringend weiterentwickeln müssen.

Erfolg 2.0: Wie wollen wir leben in der Postmoderne?

Earth Shake HandsIn der Postmoderne gibt es im Wesentlichen zwei Bilder für den Erfolg:

  1. Der Ausstieg aus dem „Rattenrennen“ und das „alternative“ Leben (ob in einem Ashram in Indien, per Anhalter um die Welt oder einer Kommune in Deutschland ist dabei zweitrangig)
  2. Der Einfluss in gemeinnützigen sozialen, ökologischen oder politischen Projekten oder Organisationen

Beide Bilder brechen radikal mit dem Erfolgsdenken der Moderne. Geld verdienen oder irgendetwas für sich selbst erreichen zu wollen wird geradezu verachtet. Wenn es etwas zu erreichen gibt, so kann es nur für ein Wir geschehen. Ihre Helden sind Menschen wie Mahatma Gandhi, Nelson Mandela oder Martin Luther King.

Die Ideale der Moderne und der Postmoderne sind am ehesten durch Gegensätze zu erfassen.

Moderne versus Postmoderne

  • Ich versus Wir – Autonomie versus Kommunion
  • Geld verdienen versus Geld spenden für einen guten Zweck
  • Gewinnmaximierung versus Gemeinnützigkeit
  • Äußerlichkeit versus Innerlichkeit
  • Denken versus Fühlen
  • Wissenschaftliches versus Multiperspektivisches oder Mulitkulturelles Denken
  • Ökonomie versus Ökologie
  • usw.

Dieses Gegensatzdenken hat u.a. leider auch dazu geführt, dass das Geld, das für gemeinnützige Projekte ausgegeben wird, zunächst in der „bösen“ Wirtschaft verdient werden muss.

Zudem macht es die Vertreter der Postmoderne oft sehr ineffektiv in ihren Handlungen.

Wenn wir in einem Entweder-Oder-Denken gefangen sind, fangen wir automatisch an für die eine oder die andere Seite zu optimieren. Etwas ist dann z.B. entweder „gut für mich“ ODER „gut für uns.“ Es maximiert die Gewinne ODER den Gemeinnutz. Es ist gut für das Außen ODER das Innnen, gut für das Denken ODER das Fühlen, gut für die Wirtschaft ODER die Umwelt…

Stellen wir uns einmal einen Organismus vor, in dem wir die Situation entweder für die einzelne Zelle optimieren ODER für den Gesamtorganismus. Von hier aus betrachtet, merken wir, dass überhaupt keinen Sinn ergibt, denn schließlich besteht der Organismus ja aus den Zellen, während er gleichzeitig die Umgebung der Zellen darstellt. Der Zelle geht es nur gut, wenn es dem Organismus gut geht, und dem Organismus geht es nur gut, wenn es der Zelle gut geht.

Und das verweist uns bereits auf den nächsten Shift zu…

Erfolg 3.0: Wake Up – Grow Up – Show Up

„The core crisis facing a society is often not a crisis of funds or resources. It is a crisis of imagination. And at the core of every crisis of imagination is a crisis of identity. Imagination and identity are interior structures of consciousness. We need to re-imagine ourselves.“ – Marc Gafni

„Der Kern der Krise unserer Gesellschaft ist oftmals nicht eine Krise der Geldmittel oder Ressourcen. Es ist eine Krise der Vorstellungskraft. Und im Kern jeder Krise der Vorstellungskraft ist eine Identitätskrise. Vorstellungskraft und Identität sind die innerlichen Strukturen des Bewusstseins. Wir müssen uns SELBST re-imaginieren (neu erfinden).“ – Marc Gafni in Übersetzung von mir

Im Jahr 2014 hatte ich das Privileg und das Vergnügen als Mitarbeiterin am Success 3.0 Summit teilzunehmen. Das Center for Integral Wisdom war Mit-Initiator. Inzwischen hat sich Success 3.0 zu einer eigenständigen Organisation weiterentwickelt, die die Bewegung und den Film RiseUp ins Leben ruft.

Hier ging es darum, einen neuen Mythos von Erfolg zu entwickeln, der auf der besten Weisheit der vorangegangenen Zeitalter (Prämoderne, Moderne und Postmoderne) aufbaut, sie aber auch übersteigt.

Als Rahmen wurde „Wake Up – Grow Up – Show Up“ vorgeschlagen.

Michael-Hull-Unsplash-smallWake Up: Aufwachen zum größtmöglichen Kontext Deines Lebens und zur tiefsten Natur Deiner wahren Identität.

Grow Up: Aufwachsen zur umfassendsten (welt- oder kosmozentrischen) Ebene des Bewusstseins, das derzeit zur Verfügung steht.

Show Up: Auftauchen oder in Erscheinung treten als „Servant Leader“ (dienender Leiter) und Deine einzigartigen Gaben geben, die aus Deinem Unique Self hervorgehen und die ein einzigartiges Bedürfnis in der Deinem einzigartigen Intimitäts- und Einflussbereich adressieren.

All das führt zum Aufwachen, Aufwachsen und Auftauchen als Dein Unique Self, das Dein einzigartiges Instrument in der Unique Self Symphony spielt, die die Macht hat unendliche Innovation, Kreativität und Ressourcen zu entfesseln.

Was würde es bedeuten, wenn Erfolg genau das hieße? Aufzuwachen, aufzuwachsen und aufzutauchen als Unique Self, ungetrennt von allem, was ist, mit einzigartigen Gaben und einer einzigartigen Perspektive auf die Welt?

Ein Beispiel für diese neue Version von Erfolg:

John Mackey, der Begründer von Whole Foods in den USA, ist Co-Autor des Buches Conscious Capitalism.

Ein paar Ideen daraus:

Erfolgreiche Unternehmen machen Profit, was eine Beschreibung ist, versus Profit als das einzige Ziel, das Unternehmen verfolgen sollten, was eine Verschreibung ist. Profit ist notwendig für ein Unternehmen, um lebensfähig zu sein, wie es für einen Menschen notwendig ist zu essen. So wie niemand behaupten würde, dass es der Lebenszweck des Menschens ist zu essen, besteht auch der Zweck eines Unternehmens nicht darin, Profit zu machen.

Tue das Richtige, weil es richtig ist und vertraue, dass das zum gewünschten Ergebnis führt. Richtige Handlungen führen zu positiven Ergebnissen.

Menschen sind Quellen (Sources) der Kreativität und Liebe und keine Human Resources (Ressourcen, wie z.B. Kohle, Werkzeuge, etc.)

Alle Stakeholder werden berücksichtigt. Es geht um einen Win-Win-Win-Win-Win-Win oder Win6 Ansatz.

Conscious Capitalism folgt den folgenden 4 Prinzipien:

  1. Orientierung an einem höheren Zweck
  2. Berücksichtigung aller Stakeholder
  3. Bewusste Führung als Dienst
  4. Bewusste Kultur der Transparenz und des Vertrauens

Erfolg 4.0: Das Erwachen der Unique Self Symphony

Während Erfolg 3.0 in der Entstehung begriffen ist, können wir Erfolg 4.0 gerade mal erahnen.

In Erfolg 3.0 wird sich das Unique Self bewusst, dass es nicht getrennt von allem ist.

In Erfolg 4.0 erwacht es zu der Realisation, dass es nicht nur dringend benötigt wird, um die Unique Self Symphony zu vervollständigen und von ihr gehalten zu sein, sondern auch um sie weiterzuentwickeln.

Der Evolutionäre Zweck, der den Einzelnen wie den Organisationen und Gemeinschaften Richtung gibt und sie mit dem Gesamt-Organismus verbindet, unterliegt selbst einer Evolution.

Diese neue Vision von Erfolg lädt zur Demokratisierung von Größe, Großartigkeit oder auch Erleuchtung ein. All das ist im neuen Zeitalter nicht mehr auf einige wenige beschränkt. Jeder ist eingeladen. Jeder kann teilnehmen.

Die neue Vision von Erfolg lädt uns ein, ein größeres Spiel zu spielen. Aufzuwachen, aufzuwachsen und aufzutauchen heißt, an der Evolution des Bewusstseins teilzunehmen – individuell, wie kollektiv. Auf der Innenseite ist diese Bewusstseinsevolution nichts weniger, als die Evolution der Liebe. Unser Verständnis von Liebe wird transformiert.

In unserer Vision von Erfolg 4.0 erwacht die Unique Self Symphony selbst zu Bewusstsein. Es ist das Planetarische Erwachen, von dem Barbara Marx Hubbard spricht. Es ist der nächste Schritt in der bewussten Evolution in Aktion.

An dieser Vision richten wir uns bei projetzt aus. Coaching, Seminare, Online-Angebote und Live Veranstaltungen für Einzelne, Teams, Projekte und Organisationen sind einer umfassenden individuellen wie kollektiven Transformation und Evolution in Richtung Erfolg 4.0 verpflichtet.

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